Ich bin ein Fan von Orangenpapieren. In meiner Kindheit brachte meine Tante an Weihnachten traditionell eine ganze Kiste Mandarinen mit, viele noch mit Blatt und Stiel, viele in Papier gewickelt; der alte Antonio würde sich leicht verneigen und sagen „gelegte Ware von einem qualitätsbewussten Händler“. Jede Frucht ein kleines Geschenk und in meiner Erinnerung unlöslich mit der kindlichen Weihnachtsaufregung verknüpft, nur bei dieser Gelegenheit konnten wir uns so endlos die Bäuche mit Mandarinen vollschlagen. In „Blutorangen“ sind Orangen und Orangenpapiere ein Motiv, das meine Figuren über Epochen, Ländergrenzen und ideologische Gräben miteinander verbindet.

Kathedrale OrangenZwei Jahre lang habe ich in Valencia gelebt. Die Araber hatten Orangenbäume ornamental und als Schattenspender eingesetzt, auch heute noch sind etliche Straßen in Valencia von Orangenbäumen gesäumt und zur Reifezeit mit Fallobst gesprenkelt. Dufte, duftende Spritztouren durch die Haine während der Orangenblüte. Die Umgebung der Stadt, wie ich sie kenne, ist durch den Anbau von Zitrusfrüchten geprägt. Dabei begann der kommerzielle Anbau von süßen, essbaren Orangen im Königreich Valencia erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Innerhalb weniger Jahre hatte sich die Fläche schon verzehnfacht, und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verdrängten Zitrusfrüchte den Weizen und Trockenlandbau endgültig. Die Einwohner Valencias ließen es sich etwas kosten, das Land zu erschließen und in Huertas umzuwandeln, die für Valencia typischen fruchtbaren, künstlich bewässerten Plantagen zwischen Meer und Bergkette, es entstand eine ganz neue Landschaft von Orangenhainen mit teils herrschaftlichen Wohnsitzen in deren Mitte.

Der November ist Hochsaison für Zitrusfrüchte, doch dank der großen Sortenvielfalt ernten die Bauern durchgehend von Oktober bis Juli. Valencia verfügt über die weltweit größte Anzahl an Sorten, die bekannteste ist Navel, und mit einem schönen Mosaik von Navel-Papierchen hat der Verlag auch das Vorsatzpapier von „Blutorangen“ bedruckt – „Importé d’Espagne.“

Naranjas Joaquin Gil NavalOrangenpapierchen waren ursprünglich dazu gedacht, die Früchte vor Stößen und besonders vor Schimmel zu schützen. Geerntet wurde von Hand, der Transport erfolgte in Körben, mit Lastwagen und schließlich per Schiff nach Großbritannien, Frankreich – und auch nach München, dessen Großmarkt lange Zeit in seiner Bedeutung für den europäischen Handel an dritter Stelle nach Paris und Barcelona stand. Sehr bald nutzten die Bauern die Papiere, um ihre Werbebotschaften unterzubringen, gestalteten sie für den Markt des Ziellandes, machten sie attraktiv für die weibliche Kundschaft oder richteten sich mit der Auswahl der Motive direkt an Sammler.

Schon damals in den achtziger Jahren, in den legendären Kisten meiner Tante, waren im Übrigen längst nicht mehr alle Früchte eingewickelt. Es ist nicht mehr notwendig, die Schale wird gewachst oder anderweitig gegen Schimmel behandelt. Wer ein bisschen nostalgisch stöbern möchte, ist im virtuellen Orangenpapiermuseum gut aufgehoben – nur das zauberhafte Knistern von Orangenpapier hört man halt leider nicht. Dafür gibt es aber hier eine kleine akustische Kostprobe aus dem Buch … jeder schält eine Orange auf seine Weise.