Verena Boos ist Zeit- und Kulturgeschichtlerin. Nach dem Grundstudium der Soziologie und Anglo-Amerikanischen Literatur in Konstanz, u.a. bei Aleida Assmann, und Stationen in Bologna und Glasgow, promovierte sie am Europäischen Hochschulinstitut Florenz über die mediale Verhandlung von nationaler Identität und nationalen Interessen in Schottland und Katalonien im Prozess der europäischen Integration. Wo regionale Definitionen als unzureichend erlebt werden, geht es um  nationalistische „historic rights claims“ und das Erinnern einer (real oder imaginär) selbstbestimmten und europäisch orientierten Vergangenheit.

Heute arbeitet Verena Boos u.a. als Journalistin und Referentin zu Themen der historischen Erinnerung in Spanien und der Aufarbeitung von Totalitarismus. Sie steht als Schriftstellerin im Dialog mit der akademischen Gedächtnisforschung ebenso wie mit Aktivisten und Praktikern im Feld der Erinnerungsarbeit. Sie ist Mitglied der Frankfurt Memory Studies Platform, eines Netzwerkes, das Gedächtnisforschung international und über den akademischen Horizont hinaus betreibt. Seit dem Jahr 2011, als sie für die Recherchen zu „Blutorangen“ an einer Exhumierung von Franco-Opfern teilnahm, hält sie Kontakt zur Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, eine spanische Nichtregierungsorganisation, die sich mit dem historischen Erbe des Franquismus auseinandersetzt, Massengräber exhumiert und für die juristische Aufarbeitung der Franco-Verbrechen kämpft.

 

„Blutorangen“ – ein Erinnerungsroman

Mnemosyne_(color)_Rossetti

Mnemosyne. Dante Gabriel Rossetti (1881). Delaware Art Museum, Samuel and Mary R. Bancroft Memorial.

„Blutorangen“ ist eine europäische Familiengeschichte, ein Generationenroman und – auch – ein Erinnerungsroman. Es geht um das Trauma von Opfern wie auch Tätern und die Fragen der Nachgeborenen, darum, wie Erinnerung in Schleifen arbeitet, im Erzählen und Nacherzählen. Mnemosyne, Göttin des Gedächtnisses, trägt die Lampe der Erinnerung und leuchtet auch dunklere Ecken aus. „Blutorangen“ ist eine Geschichte darüber, wie die Vergangenheit in die Gegenwart hineinreicht: „Geschichte liegt verborgen in Flözen, unter all den Lagen von Danachgelebtem, dem, was Generationen ablagerten, willentlich oder unabsichtlich. Abdrücke auf der frischesten Schicht tilgen die Spuren des Vorvergangenen. Man gräbt sich schließlich Lage um Lage in die Vergangenheit und deckt die Geschichten in der Geschichte auf. Manchmal ist der Untergrund widerständig, mit verpresster Erde und Gestein, die das Verborgene nicht leichtfertig freigeben.“ (Blutorangen, S. 199)

Der Journalist Ruthard Stäblein bezeichnete das Buch in seiner Laudatio zum Mara Cassens Preis als einen „Roman voller Geschichtsfäden“. Der Roman hat im Feld der Memory Studies viel Aufmerksamkeit erhalten, weil er erstmals die Verwobenheit spanischer und deutscher Zeitgeschichte inszeniert und dabei geschichtliche Prozesse ebenso historisch genau wie literarisch innovativ darstellt – ein Stück “literarische Erinnerungsarbeit”.

Die Übersetzung ins Spanische erscheint im Mai 2017 bei Plataforma Editorial, zeitgleich bei Bromera die katalanische Version.

Veranstaltungen mit Verena Boos zu Erinnerung und Aufarbeitung

Workshop zum Thema „Erinnerungsliteratur“ für ein Studienförderwerk, September 2016. Es geht um Erinnerung in Wissenschaft und Kultur und die Verbindung wissenschaftlicher Perspektiven mit praktischen Herangehensweisen und künstlerischer Umsetzung.

Lesung aus den Blutorangen und „Conversation“ mit dem Soziologen Natan Sznaider bei der Frankfurt Memory Studies Platform, Universität Frankfurt, Juni 2016. Unter der Titel “Geschichte und Geschichten des Schreckens – Wie denkt und dichtet man die transnationale Erinnerung an den spanischen Bürgerkrieg?” diskutierten die beiden Wissenschaftler und Autoren literarische und soziologische Perspektiven auf den Spanischen Bürgerkrieg und seine „multidirektionale“ Erinnerungsgeschichte. Hier geht es zum Videomitschnitt der Veranstaltung.

Teilnahme an einer Panel-Diskussion über Interpretation, Missbrauch und Instrumentalisierung der Geschichte in aktuellen Konflikten und historisch-politischen Debatten in Europa, 14. Ost-West-Europäisches Gedenkstättentreffen in Kreisau, Polen, März 2016. Im Jahr 2016 thematisierte das Gedenkstättentreffen die komplexen Fragestellungen zur Rolle von Widerstand und Kollaboration in unterschiedlichen nationalen Erzählungen. Es geht um das Verhältnis zwischen Politik und Macht einerseits und der Bedeutung von Gedächtnis und Erinnerungsorten andererseits, um den Einfluss von politischen Institutionen und diskursbestimmender Akteure auf Gedächtnis und Erinnerungsarbeit.

Diskutantin auf einer Podiumsdiskussion über Transitional Justice der Bundesstiftung Aufarbeitung, Dezember 2015.  Der Umgang mit staatlicher Gewalt und Menschenrechtsverletzungen sowie deren Ahndung stellen viele Gesellschaften nach der Überwindung von Gewaltherrschaft vor große Herausforderungen. Die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Franco-Regimes geschieht nach den Prinzipien der universellen Justiz bislang nur von Argentinien aus, da der spanische Staat seine Verantwortung als Rechtsnachfolger des Regimes und seine Fürsorgepflicht gegenüber jenem großen Teil der Bevölkerung, der zu den Verlierern des Bürgerkrieges gehörte, wahrnimmt. Mitschnitt der Veranstaltung auf der Veranstaltungsnachlese oder bei iTunes.

Eröffnung der Ausstellung „Gräber öffnen – Würde wieder erlangen“ am Sitz der Deutschen Gesellschaft e.V. im Rahmen einer Kultur- und Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica und deutsch-spanische Lesung und Diskussion in der spanischen Buchhandlung La Rayuela, September 2015.