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Spanier in der Wehrmacht

General Franco stellte nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Arbeitskräfte für die deutsche Rüstungsindustrie zur Verfügung – zusätzlich zu wichtigen Rohstofflieferungen und zu einer Zeit, da viele Spanier Hunger litten. Deutschland konnte in Spanien außerdem Marinestützpunkte einrichten und verfügte dort über die größte Auslandsdependance der deutschen Abwehr, ein Abhör- und Spionagesystem, das 1941 rund 7.500 Mann umfasste und bis 1945 auf 20.000 Mann anwuchs – für viele Militärs eine willkommene Möglichkeit, der Ostfront zu entgehen.

Als Hitler am 22. Juni 1941 Russland den Krieg erklärte, bot Francos Außenminister Serrano Suñer sofort eine spanische Freiwilligentruppe an, worauf Teile der Bevölkerung mit großer Begeisterung reagierten. Am 4. Juli eröffneten Rekrutierungsbüros in verschiedenen Städten Spaniens, die nach einer guten Woche schon wieder schließen konnten. Als erstes Kontingent starteten am 13. Juli 19.000 Mann in den „Kreuzzug gegen die russische Barbarei“ und wurden als 250. Infanteriedivision des deutschen Heers, in deutscher Uniform mit spanischem Abzeichen, in die Wehrmacht eingegliedert. Viele der Männer entstammten dem spanischen Heer, besonders die höheren Ränge. Manche waren zwangsrekrutiert oder wollten als ehemalige Angehörige der republikanischen Truppen ihr Image aufbessern. Viele kamen aus der Falange, der faschistischen Bewegung in Spanien, die später Francos Nationalpartei entscheidend prägen würde und deren blaue Hemden der Truppe ihren umgangssprachlichen Namen gaben: Blaue Division.

 

Spanier in deutschen Konzentrationslagern

Ein Konzentrationslager ist bis heute in Spanien der Inbegriff der nationalsozialistischen Vernichtung des politischen Gegners: Mauthausen. Es war das Lager für Spanier: von rund 10.000 deportierten Spaniern kamen über 7.000 nach Mauthausen und dessen Nebenlager Gusen, und 6.503 fanden hier den Tod.

Gegen Ende des spanischen Bürgerkriegs, insbesondere ab Dezember 1938, flüchtete rund eine halbe Million spanischer Republikaner nach Frankreich, wo die Behörden sie in Lagern internierten. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich im Juni 1940 kamen die „Spanienkämpfer“ auf Anordnung von Heinrich Himmler in „Schutzhaft“, und innerhalb weniger Wochen begannen die Deportationen der so genannten „Rotspanier“ in deutsche Konzentrationslager.

In Mauthausen traf der erste große Transport am 6. August 1940 ein. Das Lager hatte die SS erst zwei Jahre zuvor eingerichtet, so dass die Häftlinge zu dieser Zeit ihr eigenes Gefängnis erst noch zu Ende bauen mussten. Der berüchtigte Steinbruch von Mauthausen, mit dessen Ausbeutung eine wiederum von der SS gegründete Firma beauftragt war, diente in letzter Konsequenz der Vernichtung des politischen Gegners – Mauthausen ist bis heute das einzige KZ mit der Klassifizierung III.

Die „Rotspanier“ bildeten in der Lagersystematik der SS eine eigene Kategorie. Rund 50 spanische Kinder ab 13 Jahren, die Ende August 1940 mit dem „Konvoi der 927“ eintrafen, bildeten die erste größere Gruppe Jugendlicher im KZ Mauthausen. Als „Poschacherjugend“ konnten einige von ihnen außerhalb des Lagers arbeiten, was die spektakuläre Rettung der Fotos des Katalanen Francesc Boix, der im Erkennungsdienst des KZ arbeitete, möglich machte. Diese Fotos sind in die Ikonografie des Konzentrationslagers eingegangen und spielten bei den Nürnberger Prozessen eine entscheidende Rolle für die Verurteilung von Ernst Kaltenbrunner und Albert Speer.

Eine weitere Ikone stellt das Foto von der Befreiung des Lagers am 5. Mai 1945 dar (beziehungsweise deren Re-Inszenierung am 6. Mai auf Geheiß von General Eisenhower): „Die Spanischen Antifaschisten grüßen die Befreiungsmächte“.

 

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„KZ Mauthausen“ von Cpl Donald R. Ornitz, US Army – [1]. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:KZ_Mauthausen.jpg#mediaviewer/File:KZ_Mauthausen.jpg

Massengräber in Spanien

Für „Blutorangen“ habe ich in Spanien vor Ort recherchiert und war unter anderem bei der Exhumierung eines Massengrabes aus der Franco-Zeit dabei. Das erste, das aus dem Erdreich auftaucht, ist oftmals ein Schuh. Nach und nach lassen sich die Konturen menschlicher Skelette erahnen. Persönliche Objekte wie Kämme, Münzen, Schmuck kommen zum Vorschein. Skeptisch, furchtsam, fasziniert beobachtet von den Nachfahren der Toten und den Dorfbewohnern, die mit einer Umbettung ein offenes Geheimnis endgültig ans Licht holen. Wer jahrelang verscharrt in der Erde lag, bekommt wieder einen Namen, ein Gesicht, eine Biografie. Mit der Zeit kommen die Alten ins Reden, und die Jungen lassen sich erklären, was es mit der Lage dieses Landes auf sich hat.

Das Erbe des spanischen Bürgerkriegs und der Repression im Franquismus ist eine kontaminierte Landschaft. Spanien ist übersät mit Massengräbern – manche bekannt und als solche gekennzeichnet, längst nicht alle, und in einigen Gegenden, sagen die Zyniker, liegen mehr Tote vor den Friedhöfen als darin. Francisco Franco ließ schon während des Bürgerkrieges, vor allem jedoch danach systematisch seine Gegner unterdrücken, inhaftieren, foltern und ermorden. Über genaue Opferzahlen gibt es erbitterten Streit. Nicht zuletzt wegen ihres Sieges und der Dauer der Diktatur haben die Franquisten mehr Tote zu verantworten als die Republikaner. Der Untersuchungsrichter Baltazar Garzón kam in seiner Erhebung auf die Zahl von 114.266, überwiegend republikanischen Toten in anonymen Massengräbern. Die juristische Aufarbeitung der Diktatur steht noch aus.

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Über die Jahre hinweg haben immer wieder Angehörige mit Hacke und Schaufel, heimlich und mit bloßen Händen nach ihren Verschwundenen gesucht. Die Geschichte der öffentlichen Exhumierungen nach wissenschaftlichen Standards beginnt im Jahr 2000 mit der Bergung der sterblichen Reste von 13 Zivilisten, die Pistolenschützen der Falange am 16. Oktober 1936 ermordet hatten. Viele Menschen näherten sich mit der Bitte um Hilfe bei der Suche nach ihren Verschwundenen – so entstand aus einer einzelnen Initiative der „Verein zur Wiedererlangung der historischen Erinnerung“ (Asociación para la Recuperación de la Memoria Histórica, ARMH) und seither landesweit etliche Organisationen, Bürgerinitiativen und Hinterbliebenenverbände, die versuchen, diese Toten zu bergen und ihnen ihre Würde zurückzugeben. Während der ARMH stark auf die Hinterbliebenen eingeht und die Grabungen als Mittel sieht, ein historisches Trauma aufzuarbeiten, gibt es in Spanien auch andere Verbände, zum Beispiel die Foros por la Memoria, die ihre ideologische Nähe zu den Opfern betonen und aus der Geschichte Lehren für die Zukunft ziehen wollen.

Für meine Recherchen habe ich die Aktivisten des ARMH bei ihrer Arbeit begleitet. Ich konnte beobachten, wie sich die anfängliche Anspannung allmählich auflöste, welche sozialen Räume, welche Möglichkeiten des Erzählens sich in diesem Kontext auftaten und wie aus einer Schuhspitze langsam wieder ein Mensch wurde.

„Las Cunetas – In den Straßengräben Spaniens“ von Bodo Marks und Shelina Islam, Spanien/Deutschland 2012, Spanisch mit deutschen Untertiteln

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